Neue Routen im Tarifdschungel

10. Dezember 2006 | ID: 217 | 610 Artikeleinblendungen

Ideenschmiede will Handy-Software gemeinsam mit den Usern entwickeln

Wer kennt ihn nicht, den Ärger über die satte Handy-Rechnung, der noch durch den Zweifel verstärkt wird, ob die Gespräche nicht bei einem anderen Anbieter günstiger gewesen wären? Da die Preispolitik der Konkurrenz genauso undurchsichtig erscheint, bleiben die meisten Kunden gleich bei ihrem alten Provider. Das wird dann als Vertragstreue ausgelegt. Einen Ausweg aus dem Dilemma verspricht eine junge Hamburger Firma: Handy-Kosten runter ohne Vertragswechsel.

In diesem Teil des Hamburger Westens saßen um die Jahrtausend-Wende die Internetagenturen und Technologieschmieden Tür an Tür. Ein paar Jahre und viele Pleiten später haben die heutigen Start-Ups viel Platz in den restaurierten alten Gewerbeetagen. Beim Betreten der langen Flure der frisch gegründeten Cellity AG fühlt man sich trotzdem gleich an die Boomzeit der New Economy erinnert.

Neue Gründerzeit
Zweimal Käse bitte, sagt Sarik Weber, als der Sandwich-Verkäufer seinen Kopf in der Tür zeigt. Auf Webers Visitenkarte steht: Founder, Vice President. Ja, man kann schon wieder von einer Gründerzeit sprechen. Heute stehen aber in der Regel solide Geschäftsmodelle dahinter. Der Mann muss es wissen, hat er doch vorher als Vorstand die erfolgreiche Internetplattform OpenBC mit aufgebaut, die in dieser Woche als Xing ihren Börsengang hatte.

Das neue Geschäftsmodell, das Weber mit alten Bekannten aus der Gründerszene wie den ehemaligen Deutschland-Chef des Internet-Telefonieanbieters Skype, Tim von Törne, gerade aufbaut, klingt in der Tat verlockend: Handy-Gebühren runter! Das haben in den letzten Jahren allerdings viele versprochen und nicht gehalten.

Verbrannte Erde
Ja, da ist eine Menge verbrannte Erde hinterlassen worden, weiß auch CEO Nils Weitemeyer, der frühere Geschäftsführer des Handy-Spieleproduzenten Elkware. Wir müssen das Vertrauen neu aufbauen. Unser Geschäftsmodell ist für den Nutzer völlig risikolos, er geht keinerlei Vertragsverbindungen ein.

Auf dem Cellity-Server sind laut den Betreibern 300.000 verschiedene Tarifkombinationen in Deutschland gespeichert, die andauernd aktualisiert werden. Nutzer laden sich einmal die kostenlose Software auf das Handy, die nach bestehendem Tarif und Handytyp konfiguriert wird. Die Software durchsucht bei jedem Anruf den Tarifdschungel und nutzt dann automatisch die günstigste Route.

Günstigste Route
Findet dieser Least Cost Router eine billigere Alternative, als mit dem Tarif des Vertragspartners möglich wäre, läuft das Gespräch über den Server von Cellity. Der Nutzer merkt davon nichts, behält seinen Provider und die SIM-Karte. Die Ersparnis, von der Cellity eine Provision einbehält, soll zwischen 30 und 90 Prozent betragen. Der Nutzer erhält zwei Rechnungen, denn die Grundgebühr wird ebenso weiter den Vertragspartner gezahlt, für die Cellity keine günstigere Alternative findet.

Im Moment funktioniert die Cellity-Software nur auf Symbian-Telefonen und Java-fähigen Mobiltelefonen. Künftig kommen auch Blackberry und Windows Mobile Geräte dazu. Dafür lohnt sich die Software sogar bei Flatrate-Kunden, da sie Gespräche zu anderen Anbietern übers Festnetz umleitet, das in der Regel in der Flatrate enthalten ist.

Transparenz und Community
Seit Ende November testet ein geschlossener Kreis von 50 Nutzern eine Betaversion der Software. Der endgültige Launch ist im Laufe des Januars geplant. Sehr schnell will Cellity sich dann auch in anderen europäischen Staaten und in Asien verbreiten. Und das ganz ohne aufwändige Werbekampagne.

Wir sehen unser Produkt als Teil von Mobil 2.0. Wir setzen auf Transparenz und die Community, so Sarik Weber. Wie auf den Plattformen des WEB 2.0 sollen auch die Nutzer von Cellity über Foren und andere Beteiligungsmöglichkeiten das Produkt selbst weiterentwickeln. Es gibt erstaunlich viele Menschen, die Lust haben, sich an der Entwicklung so einer Idee zu beteiligen, sagt Weber, der bei OpenBC reichlich Erfahrung beim Aufbau einer Community gesammelt hat.

Kein Wunder, dass die Cellity-Gründer überzeugt sind, mit ihrer Entwicklung eine große Welle in der Mobilfunk auszulösen. Davon profitieren trotz sinkender Margen sogar die Provider, glaubt Nils Weitemeyer. Jeder kann seinen Vertrag behalten und trotzdem günstiger telefonieren. Das fördert die Zufriedenheit und Vertragstreue von Kunden, die sonst vielleicht zu Discountern und zur Internet-Telefonie abwandern würden.

Quelle: http://www.heute.de

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Artikel wurde veröffentlicht am: Sonntag, 10. Dezember 2006
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